07.11.2013 - 01.02.2014

Alfred Weidinger verfolgt seit 2009 die Spuren der letzten Könige Afrikas, Erben der mächtigen Reiche, die einst den Kontinent beherrschten. In ihnen lebt nicht nur eine jahrhundertealte Tradition fort, zum Teil sind die Könige noch heute, obwohl ohne direkte exekutive Gewalt, einflussreiche politische und spirituelle Leitfiguren ihrer Gesellschaft. Gleichzeitig aber sind die Monarchen – ähnlich ihren europäischen Standesgenossen – ein lebendes Paradoxon, Relikte einer vergangenen Epoche in einer modernisierten Welt.

Weidingers Porträtserie, die ihn bislang nach Mali, Burkina Faso, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Tschad, Uganda und Angola geführt hat – weitere Reisen sind geplant –, zeigt die Könige in repräsentativen Posen und vollem zeremoniellen Ornat an von ihnen selbst gewählten Orten. In der Bildkomposition greift Weidinger auf Vorbilder aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zurück, Studioporträts afrikanischer Monarchen, Häuptlinge und Stammesältester. Diese Fotografien entstanden in Fotoateliers, die zum Ende des 19. Jahrhunderts in Teilen von Afrika boomten und Herrscherporträts als Postkarten und Sammelbilder – auch über den Kontinent hinaus – unter das Volk brachten. In den Atelierporträts traten die Monarchen in all ihrem majestätischen Pomp auf, nichtsdestotrotz war bereits die Tatsache ihrer Ablichtung im Foto Zeichen ihrer schwindenden Bedeutung, ging doch der Siegeszug der Fotografie in Afrika Hand in Hand mit der Unterwerfung des Kontinents unter direkte koloniale Herrschaft.

Weidingers Projekt antwortet auf diese Bildtradition, lässt den Modellen aber deutlich mehr Handlungsspielraum in der Gestaltung ihres eigenen Bildes. Wie ein Ausschnitt aus einer Ahnengalerie dokumentiert die Serie den gegenwärtigen Stand der afrikanischen Monarchie und ist visuelles Zeugnis eines aus europäischer Perspektive immer noch oft übersehenen Teils der afrikanischen Geschichte und dessen Kontinuität in der heutigen Gesellschaft. Über die Traditionslinien hinaus, die den Status der Könige bestimmen, wird in Weidingers konzentrierten Schwarzweiß-Aufnahmen die charismatische Persönlichkeit der einzelnen Individuen als Quelle ihrer fortwährenden sozialen Bedeutung sichtbar.

Alfred Weidinger ist Vizedirektor am Belvedere in Wien. Er studierte von 1985 bis 1998 Kunstgeschichte und Klassische Archäologie an der Universität Salzburg und schloss sein Studium mit einer Dissertation über das Frühwerk des österreichischen Malers Oskar Kokoschka ab. In der Funktion des Kurators für die Kunst der Klassischen Moderne am Belvedere ist er für die Organisation von bedeutenden Ausstellungen im In- und Ausland verantwortlich. Seine Forschungsschwerpunkte sind bildende und angewandte Kunst sowie Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit 1980 bereist er als freier Dokumentarfotograf Afrika. Für sein jüngstes Projekt, für das er mit der Leica M Monochrom in Kombination mit dem lichtstärksten Objektiv, dem Noctilux 0,95 50 mm, arbeitet, hat er dort bislang 118 Könige porträtiert.